„Nein.“ sagen hilft auch nicht wirklich!


Von Helga Ranft

Warum uns das schlechte Gewissen einholt und wie wir das verändern können.

Der vollständige Satz „Nein.“ hat es wirklich in sich. Der Zusatz: „Er benötigt weder Rechtfertigung noch Erklärungen.“ macht es auch nicht besser.

Der Weisheit letzter Schluss?

Doch der Tipp ist weit verbreitet: „Du musst einfach (!!!!!) mal ‚Nein.‘ sagen“. Auch wenn dieser Satz von Trainern und Coaches häufig verwendet wird, der Weisheit letzter Schluss ist es meiner Erfahrung nach nicht, denn – was kommt nach dem „Nein.“?

Erfahrungsbericht: Das „Nein.“ und die Momente danach

Im Moment nach dem „Nein.“ setzte immer umgehend ein schlechtes Gewissen ein, sobald ich in das Gesicht meines Gegenübers schaute. Alternativ wurde ich auch mit einer anderweitig ausgedrückten Enttäuschung konfrontiert, die sich verbal oder emotional in mein Herz bohrte.

Erst hatte ich sehr lange gebraucht, um mich zu diesem „Nein.“ durchzuringen und dann fällt mir mein Gewissen in den Rücken. Sofort knickte ich ein: „Ach, gib her, ich schaffe das schon irgendwie.“ Ein zufriedenes Gegenüber und ich erleichtert, da ohne schlechtes Gewissen. Aber auch mit dem unangenehmen Gefühl, wieder etwas zugesagt zu haben, was ich mit meiner Zeit irgendwie vereinbaren muss.

Durch meine Lebenssituation wurden mir meine Mechanismen immer deutlicher vor Augen geführt. In vielen Gesprächen durfte ich feststellen, dass andere Menschen ebenfalls dem „Nein-sagen-und-sofort-ein-schlechtes-Gewissen-haben-Faktor“ unterliegen. Auf der einen Seite beruhigend (ich bin kein Einzelschicksal), auf der anderen Seite ziemlich beunruhigend, weil – automatisiert. (Ich entscheide etwas, auf das ich keinen wirklichen Einfluss habe).

Boykott und Manipulationsversuche

Aus dieser Situation heraus habe ich gelernt, wie ich mich selbst boykottiere und mich manipulieren lasse. Doch ich habe es geschafft – kein schlechtes Gewissen mehr nach dem „Nein.“.

Falls Sie sich inspiriert fühlen, lade ich Sie zum Weiterlesen ein. Nutzen Sie meine Erfahrung für den weiteren Weg zu Ihrer Selbsterkenntnis.

Die Voraussetzung ist, dass Sie erkennen, wie Sie selber ticken. Nur dann können Sie die – oft unbewussten – Manipulationsversuche aus dem Umfeld bemerken. Ihr Gegenüber findet intuitiv den richtigen Knopf, um Sie rumzukriegen.

Wie man das schlechte Gewissen ausbremst!

Wenn Sie Ihre Schalter kennen, dann haben Sie die Möglichkeit, sich vom schlechten Gewissen zu lösen.

Erkennen Sie, wie Sie bisher funktioniert haben.

Rufen Sie sich eine Situation vor Augen, in der Sie sich zum „Nein.“ durchgerungen haben. Vielleicht kam es mit Müh und Not oder mit großer Wut heraus, aber Sie haben es durchgezogen. Es stand groß und deutlich vor Ihnen – wie ein knallrotes Stoppschild.

Die darauf folgende Enttäuschung im Gesicht des Gegenübers löst häufig direkt und ohne Umwege das schlechte Gewissen aus. (Nur mal dazwischengefragt: Musste Ihr Gegenüber noch irgendetwas erklären oder sagen?)

Mein Einknicken

Dieses „Druckmittel“ (also das enttäuschte Gesicht) bewegte mich dazu, meine Entscheidung zu revidieren und einzuknicken. Wenn es gut lief, sagte ich noch: „Ich muss mal schauen und noch einen Termin umlegen, aber dann schaffe ich es vermutlich.“ Ein kleiner Einwand, um die Wichtigkeit meiner anderen Tätigkeiten zu untermauern. Doch letztendlich wusste ich genau: Ich werde das irgendwie möglich machen.
Den Zusammenhang, dass dafür auf der anderen Seite etwas hinten runterfällt, wollte ich nicht sehen (mehr dazu unter „Der 'unsichtbare' Schaden“). Wichtig war, dass mein Gegenüber mich als kompetent und fleißig anerkennt.

Warum ticken Sie so?

Es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Was ist der Lohn für die Zusage? Welchen Nutzen haben Sie davon, die Tätigkeit zu übernehmen? Erkennen Sie den Antrieb, finden Sie die Lösung.

Stellen Sie sich die Frage:
Was erhoffe ich mir – wirklich – von der Zusage?

Als Hilfestellung habe ich in der linken Spalte einige Antwort-Varianten aufgeführt. In der rechten Spalte finden Sie einen möglichen Nutzen. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und kann beliebig ergänzt werden.

Antwort

  •     Du bist ein guter Mensch.
  •     Super, wir sind ein richtig gutes Team.
  •     Ohne dich hätten wir das nicht geschafft.
  •     Du bist ein echter Spezialist auf dem Gebiet.
  •     Danke, sonst hätten wir den Auftrag nicht bekommen.
  •     Ich hätte mit Sicherheit viel länger daran gesessen.
  •     Der Chef: super Performance, tolle Leistung!

 

Nutzen

  •     Guter Mensch sein!
  •     Dazugehören! Akzeptiert werden.
  •     Jemand braucht (!) meine Hilfe, ich kann etwas gut.
  •     gute Leistung bringen, bestätigt werden
  •     Firma „gerettet“
  •     Ich bin in diesem Bereich besser als andere!
  •     Er erkennt meinen Wert. Ich bekomme endlich meine Gehaltserhöhung.

 

Der sichtbare Nutzen

Eines haben die Antworten alle gemeinsam. Sie bekommen ein Lob oder den Dank von außen und fühlen sich gut damit.

Das ist wichtig, weil man sich oft selber richtig schlecht macht. Man beschimpft sich innerlich und denkt über seine Fehler nach, anstatt zu bemerken, wie toll man ist. (Das wäre ja arrogant! – Dies ist übrigens eine weit verbreitete Konditionierung aus früheren Jahren.)

Daher ist jede Situation willkommen, aus der man ein positives Ende zaubern kann. Man wird um Hilfe gebeten – was ist besser geeignet? Nach der erfolgten Hilfeleistung muss zwangsläufig die Dankbarkeit kommen. Man kann quasi die Zukunft vorhersagen und weiß, dass man ein positives Feedback bekommt. Das wirkt dem innerlichen Beschimpfen entgegen, man steht gut da.
Wenn es richtig gut läuft, erkennt der Chef noch die besondere Leistung und zahlt freiwillig mehr Gehalt. (Wenn Sie ehrlich zu sich selbst sein können, fragen Sie sich einmal, wie oft das schon passiert ist.)

Der Nutzen: Zusammenfassung

Man braucht Lob, Dankbarkeit, Bestätigung oder Aufmerksamkeit von außen, um sich besser zu fühlen. Innerlich fühlt man sich nicht gut und betrachtet meistens nur die weniger schönen Seiten in sich.

Der (unsichtbare) Schaden

Den unsichtbaren Schaden sieht man erst auf den zweiten Blick. Eine „spontane“ Zusage, um etwas zu übernehmen, bedeutet Zeitaufwand. Die zur Verfügung stehende Zeit ist oft knapp und durchorganisiert. Also bleibt etwas auf der Strecke.

Stellen Sie sich diese Fragen:
Was bleibt bei Ihnen auf der Strecke? Was fällt bei Ihnen hinten runter?

Mein persönlicher Schaden

Das Lob war wichtig! Meine gefühlte innere Unzulänglichkeit konnte endlich kompensiert werden. Also habe ich Termine mit meinen Freundinnen platzen lassen, habe die Familie vertröstet und weniger Zeit mit meinem Partner verbracht. Und wenn mal ein böser Seitenhieb aus dieser Richtung kam, bin ich hochgegangen. Frei nach dem Motto: „Das ist nun einmal wichtig für mich (oder den Chef), weil …!“. Jede Rechtfertigung war willkommen, Hauptsache ich war „Jemand“ und vielleicht sogar „unentbehrlich“. Beim genaueren Hinsehen ist mir eines klar geworden. Letztendlich bin ich wütend geworden, weil ich mich über mich selbst geärgert habe. Ich spürte wohl den unsichtbaren Schaden, wirklich greifen konnte ich ihn damals nicht.

Der Schaden: Zusammenfassung

Termine mit lieben Menschen werden oft leichtfertig abgesagt. Man redet sich das schön, im Sinne von: „Die mir nahestehenden Personen, haben doch am ehesten Verständnis dafür.“ Genau diese Gruppe macht uns deutlich, dass wir auf dem Holzweg sind, denn sie sehen uns als wertvollen und starken Menschen. Doch sieht man das nur als „reinreden wollen“ und „Gängelung“ an, im schlimmsten Fall kommt es zum Streit.

Der Lösungsweg: „Nein.“ sagen, ohne schlechtes Gewissen

Wenn man seine Funktionsweise und eigene Mechanismen erkannt hat, sind diese Dinge veränderbar. Suchen Sie sich einzelne Situationen aus der Vergangenheit heraus und nehmen Sie sie unter die Lupe. Achten Sie darauf, dies aus einer neutralen, sachlichen Beobachter-Position zu tun. Vermeiden Sie eigene Beschimpfungen und negative Gefühle. (Die Situation ist vorbei und kann eh nicht mehr geändert werden.)

Rückblick für Ihr Vorankommen

Stellen Sie sich folgende Fragen:

Fragen

  • Was war der Auslöser für mein schlechtes Gewissen, worauf habe ich reagiert?
  • Was ist mein Nutzen daraus gewesen?
  • Welchen unsichtbaren Schaden habe ich damit verursacht?
  • Und der Vollständigkeit halber: Was war der Beweggrund des Gegenübers, mich zu fragen?

Hinweis

  • Mimik und Körpersprache? Verbale Darstellung der Dringlichkeit oder Wichtigkeit?
  • Anregungen in der Tabelle oben (Lob, Anerkennung, Akzeptanz)
  • Wie habe ich die benötigte Zeit kompensiert? Wem habe ich abgesagt? Habe ich an der Zeit für mich gespart?
  • Oft lassen sich mit dieser Frage weitere Hintergründe aufdecken. (Hat er selber keine Zeit/Lust dazu? Will er sich mit fremden Federn schmücken?)

Die Betrachtung der alten Situationen ist nur eine Übung, um sich über die eigenen Mechanismen klar zu werden. Dabei wird deutlich, was wichtig ist und was eine nachgeordnete Priorität hat. Wenn man sich sagen kann, das Lob von außen brauche ich nicht, dann kommt kein schlechtes Gewissen nach dem „Nein.“ Auch ohne Rechtfertigung oder Erklärung ist dann „Nein.“ ein vollständiger Satz.

Machen Sie die ersten Versuche.

Mit diesem konkreten Wissen – der Vor- und auch der Nachteile – können Sie sich die nächste Situation zunutze machen. Schauen Sie genau hin und erkennen Sie, was passiert. Seien Sie der Beobachter von sich selbst.

Wenn Sie sofort – emotionslos und sachlich – ein „Nein.“ sagen können, ist das super.

Sollte das noch nicht der Fall sein, wenden Sie die Zeit-Funktion an. Sagen Sie Ihrem Gegenüber, dass Sie das erst prüfen/klären/im Kalender nachsehen müssen und sich später dazu melden werden. Nutzen Sie die Zeit, um die Fragen einzeln durchzugehen und sich danach zu entscheiden. Im Wissen, was diese Zusage konkret bewirken wird. Erst dann teilen Sie Ihre Antwort mit.

„Ja.“ – geht auch!

Selbstverständlich kann die Antwort auch „Ja.“ lauten. Achten Sie möglichst darauf, dass Sie sich über alle Konsequenzen im Klaren sind.

Nach und nach wird sich das neue Verhaltensmuster etablieren. Sie werden immer klarer in Ihrer Entscheidungsfindung sein und können ein sachliches „Nein.“ ohne Rechtfertigung abgeben. Perfekt!

Fazit

Wenn man sich seiner Verhaltensmuster bewusst ist und auch alle (sichtbaren wie unsichtbaren) Konsequenzen berücksichtigt, wird es einfacher, alte Mechanismen abzulegen. Entscheiden Sie selbst, wie Sie antworten möchten und lassen Sie sich das nicht von Ihrem Gefühl abnehmen.

Ist man ehrlich zu sich selbst, weiß man, dass ein Ausgleich nötig ist, um seine Batterien wieder aufzuladen. Also – bleiben Sie wachsam und machen Sie sich bewusst, wo Ihre Ladestation ist.

Gönnen Sie sich Ihre (Lade-)Zeit, damit Sie lange etwas von sich haben.


Bildnachweis: https://pixabay.com/ 
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